• Sängerin Azra Halilovic: „Bin über die derzeitige Integrationspolitik verwundert.“
  • Student Erdnic Cetin: „Nicht annehmbar, dass sich die ganze Integrationsdebatte ausschließlich auf Muslime fokussiert.“
  • Schauspielerin Mercedes Echerer: „Die Politik lässt sich von Populisten treiben.“

Wer sind sie? Was denken sie? Und stehen die IntegrationsbotschafterInnen hinter dem von Integrationsminister Sebastian Kurz eingeschlagenen politischen Kurs? Bum Media hat nachgefragt und ist auf verblüffende Antworten, aber auch Ungereimtheiten gestoßen.

350 IntegrationsbotschafterInnen: Wo denn bitte?
Zeigt sie! Immerhin geht es um eine gute Sache. Und ihr seid garantiert stolz darauf, dass sich österreichweit mehr als 350 Menschen für ein gutes Zusammenleben stark machen. Und das noch ehrenamtlich. Haben wir uns gedacht! Die Realität sieht jedoch anders aus. Auf der Internetplattform „Zusammen Österreich“ (www.zusammen-oesterreich.at) – der virtuellen Heimat der IntegrationsbotschafterInnen – steht es schwarz auf weiß: „Mehr als 350 Integrationsbotschafterinnen und -Botschafter stehen für erfolgreiche Integration durch Leistung. Jede/r von ihnen hat es geschafft und engagiert sich ehrenamtlich, um österreichweit Vorurteile abzubauen und Motivation zu schaffen.“ Das Motto lautet: „Schulbesuch buchen und offen diskutieren.“

Doch, wie es den Anschein hat, hat die Offenheit ihre Grenzen. Nach Recherchen von Bum Media sind lediglich 68 Namen und Videobotschaften der auf der Webseite erwähnten 350 IntegrationsbotschafterInnen nachzulesen. Das entspricht knappen 20 Prozent.

Bum Media hat beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), dem Projektbetreiber sowie Medienherausgeber, mehrmals nachgefragt, was der Grund dafür sei. Der ÖIF war zwar bereit, einzelne IntegrationsbotschafterInnen zu kontaktieren und diesen den Fragenkatalog von Bum Media zu übermitteln. Der ÖIF wollte jedoch nicht offenlegen, um wen es sich bei den weiteren 283 IntegrationsbotschafterInnen handelt.

Aus „datenschutzrechtlichen Gründen ist es nicht möglich, eine Liste der für den ÖIF ehrenamtlich tätigen IntegrationsbotschafterInnen zu übermitteln“, lautete die Antwort. Die Reaktion auf die zweite Anfrage: „Die Website von Zusammen Österreich ist derzeit noch im Aufbau begriffen, weshalb nicht Videos von allen Integrationsbotschafter/innen online zu finden sind. Diese werden nach und nach ergänzt.“ Die Antwort auf die letzte Anfrage vom 4. April 2017: „Was den Datenschutz betreffend der Kontakte der für den ÖIF ehrenamtlich tätigen Integrationsbotschafter/innen angeht, darf ich Sie auf meine Mail vom 1. März verweisen.“

Warum diese Intransparenz?
„Warum diese Intransparenz? Wie kann es sein, dass Menschen, die freiwillig im Rampenlicht stehen und als Integrationsbotschafter gemeinsam mit Minister Kurz Schulen besuchen, auf einmal ein Problem damit haben, dass ihre Namen auf der Projektwebseite veröffentlicht werden?“, fragt sich Dino Schosche, Initiator der Integrationswoche und Bum-Media-Geschäftsführer.

Für Schosche stellt die Intransparenz eine Merkwürdigkeit dar. „Im Rahmen der Integrationswoche, bei dem der Migaward, der Preis der österreichischen MigrantInnen verliehen wird, wird Offenheit großgeschrieben. Wir veröffentlichen die vollständige Liste aller 400 Jurymitglieder mit Namen und Beruf auf unserer Webseite migaward.at. Die Informationen sind für jeden zu jeder Zeit zugänglich“, sagt Schosche.

Zwei Drittel der befragten BotschafterInnen kritisieren Kurz
Bum Media wollte weiters wissen: Sind die einzelnen IntegrationsbotschafterInnen mit dem eingeschlagenen politischen Kurs von Integrationsminister Sebastian Kurz, der die Initiative ins Leben gerufen hat, einverstanden? Was sagen die BotschafterInnen zu den politischen Forderungen wie ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst, eine Grenzschließung sowie eine Verschärfungen in der Asylpolitik?

Wir haben mit 56 der 65 öffentlich aufgelisteten IntegrationsbotschafterInnen Kontakt aufgenommen und ihnen die oben angeführten Fragen übermittelt. Die Rücklaufquote beträgt 46,4 Prozent.

Das Ergebnis: Nur ein Drittel der Befragten (34,6 Prozent) bekennen sich zu dem politischen Kurs von Minister Kurz. 26,9 Prozent der Befragten kritisieren einzelne Punkte, allen voran das geforderte Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst. 23,1 Prozent der befragten IntegrationsbotschafterInnen distanzieren sich klar von Sebastian Kurz.

Die Stimmen der BotschafterInnen
„Religionsfreiheit ist ein hohes Gut und das Tragen des Kopftuches lässt nicht gleichzeitig auf eine Verweigerung der Integration schließen. Nach dem Holocaust würde keinen Politiker in Österreich einfallen, orthodoxen jüdischen Frauen zu verbieten, sich die Haare vor der Hochzeitsnacht zu rasieren und danach Perücke zu tragen. Womit sie auch ihre Identität verschleiern. Ich mache Du’a (bete), dass wir Moslems keinen Holocaust brauchen müssen, um ein Kopftuch tragen zu dürfen.Roma Bemat, Unternehmerin

„Nach einigen Jahren muss ich es nüchtern betrachten und feststellen, dass für Sebastian Kurz das Ganze nur eine politische Show Bühne ist. Zwar arbeiten viele engagierte Personen hauptberuflich oder ehrenamtlich mit. Die politische Botschaft ist jedoch verheerend. Die Diskussion über Kopftuchverbot ist entbehrlich. Es handelt sich um ein Kleidungsstück, nicht mehr und nicht weniger. Hineinwird viel zu viel interpretiert. Sollen wir über das Verbot von roten, blauen oder andersfärbigen T-Shirts diskutieren? Wo ist die Grenze?“  Valid Hanuna

„Zwischenzeitlich lässt sich die Politik von Populisten treiben. Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit dem mittlerweile eingeschlagenen Weg, Österreich wie die EU will sich abschotten und Menschen aussperren. Das wird nicht funktionieren und ist ein Armutszeugnis für die EU und für uns.“ Über das Kopftuchverbot: Religion ist Privatsache, das muss erst in unser aller Leben verankert sein, damit das mit allen hier praktizierten Religionen funktionieren kann.“ Mercedes Echerer, Schauspielerin

„Ich bin sehr verwundert über die derzeitige Integrationspolitik des Außenministers, die sehr populistische Ausprägungen annimmt und hinter der ich so leider nicht stehe.“ Azra Halilovic, Sängerin, Song-Contest-Vorausscheidung; Digital Marketing Manager

„Die Debatte um das Kopftuchverbot finde ich entbehrlich. Als ich noch ein junger Mann im katholischen Irland war, wurde es als sittlich für Frauen angesehen, in der Öffentlichkeit ihr Haar zu bedecken.“ Desmond Doyle, Mitbegründer von „Art of Reconciliation“, Obmann des Vereins „Art Mine“

„Generell bin ich mit dem eingeschlagenen politischen Kurs einverstanden. Grenzschließung und Verschärfung der Asylpolitik erfordert meiner Meinung nach auch die Unterstützung aller EU Länder, sonst wird Österreich übergehen. Das Kopftuchverbot ist meiner Meinung nach eine Diskriminierung. Entweder wir leben in einer Demokratie, wo Meinungsfreiheit zählt oder nicht. Ich bin wohlgemerkt gegen ein Kopftuch- aber für ein Burka-Verbot.“ Ahmet Albayrak, leitender Angestellter

„Ich bin mit dem eingeschlagenen politischen Kurs von Herrn Kurz nicht einverstanden, da ich der Meinung bin, dass dieser Weg in eine Einbahnstraße verläuft und die Integration nicht fördert, sondern stagnieren lässt. Ich finde es auch nicht annehmbar, dass sich die ganze Integrationsdebatte fast ausschließlich auf die Muslime fokussiert und es ist auch die Tatsache, dass Herr Kurz durch seine Äußerungen und Handlungen, die eines Integrationsministers nicht würdig sind, den Unmut vieler integrationsbereiter Bürger auf sich zieht. Das Kopftuchverbot ist ohne wenn und aber eine Diskriminierung der Musliminnen und ein Einschnitt in die Religionsfreiheit. Man kann nicht von Integration sprechen und gleichzeitig ein religiöses Symbol wie das Kopftuch verbieten.“  Erdnic Cetin, Student